Zucker-Debatte: Wir brauchen neue Konzepte statt Schuldzuweisung

Ein Kommentar von Uta Schwaner, Deutschland-Chefin von Golin

Die Gemüter schlagen hoch, wenn es um Zucker in Lebensmitteln geht. Dabei ist die Debatte nicht neu. Mit der Ankündigung von Rewe in Pilotprodukten ihrer Eigenmarke, den Zuckergehalt konsequent zu senken und dem Verbraucher einen Schokopudding in vier Zuckergehaltsstufen zur Abstimmung anzubieten, erreicht aber die jahrelange Diskussion einen neuen Impuls. Und das ist gut so.

Denn viele Jahre haben sich Lebensmittelhersteller damit herausgeredet, mit Sport könne man aufgenommen Zucker (und Fett) quasi wegtrainieren. Inzwischen gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass die Ernährung der Schlüssel dazu ist, gesund zu bleiben oder zu werden. Wir können unserem Übergewicht nicht davon laufen, wir müssen uns anders ernähren – das ist Fakt. Zivilisationskrankheiten wie Diabetis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht – gerade auch bei Kindern – sind auf dem Vormarsch. Produkte mit hohem Zuckeranteil sind zweifelsohne einer der Gründe dafür. Zumindest der übermäßige Genuss dieser Produkte.

Verantwortung liegt nicht nur bei Industrie

Und das bringt uns zu der Frage, wer denn Schuld an den negativen Folgen hat. Es bringt nichts, die Lebensmittelhersteller zu verteufeln und ihnen die gesamte Verantwortung in die Schuhe schieben zu wollen. Viele Hersteller haben längst begonnen, weniger Zucker in ihren Produkten zu verwenden. Natürlich auch auf Druck von NGO’s und der Politik. So hat etwa Nestlé nach den jüngsten Aussagen der Deutschland-Chefin Béatrice Guillaume-Grabisch im Hamburger Abendblatt den Zuckeranteil seit 2014 um sechs Prozent reduziert und will in den nächsten Jahren den Zuckeranteil europaweit um weitere fünf Prozent senken. Néstle ist auch Teil einer Gruppe von Lebensmittelproduzenten, zu denen noch Coca-Cola, Mars, Mondolez International, Pepsico und Unilever gehören, die derzeit an einer Initiative zur Kennzeichung von Lebensmitteln zusammen mit einer Arbeitsgruppe der EU arbeiten. Allerdings auch weil viele Hersteller die sogenannte Lebensmittelampel und eine vorgegebene Regulierung vermeiden wollen. Und man muss nur nach England oder Frankreich, gucken, um zu sehen wie weit die Politik gehen kann, Stichwort Zuckersteuer.

Letztlich entscheidet aber der Verbraucher darüber, was er zu sich nimmt. Und das ist auch richtig so. Wer will sich schon Zucker gänzlich verbieten oder nur aus dem Giftschrank verkaufen lassen? Es gibt bereits viele Initiativen von bekannten Köchen wie Cornelia Poletto und Johann Lafer, um Kindern gesunde Ernährung beizubringen. Vielleicht bedarf es sogar noch einen weiteren Schritt mit einem eigenen Schulfach. Aber generell ist die Frage, inwieweit sind Menschen wirklich in der Lage, der Verführung zu widerstehen? Und inwieweit sind sie in der Lage informierte Entscheidungen zu treffen?

Denn obwohl Lebensmittelhersteller mit Selbstbeschränkungen hinsichtlich Kinder-Marketing und Transparenz-Offensiven um Verständnis werben, muss selbst der gut informierte Verbraucher viel Aufmerksamkeit und Zeit beim Lebensmitteleinkauf verwenden. Wer den Zuckergehalt in Minischrift auf Verpackungen druckt oder sich hinter Spezialbegriffen versteckt, die Zucker so umschreiben, dass sie Verbraucher nicht verstehen, darf sich nicht wundern, wenn er scharf im Wind steht. Auch das Schönrechnen von Portionsgrößen bringt uns offensichtlich nicht weiter. Und Aussagen, man richte sich nur nach den Wünschen der Verbraucher, werden hoffentlich auch zunehmend abgestraft.

Es gibt eine klare Tendenz, dass Verbraucher wissen wollen, was sie essen und dann auch bewusst auswählen. Frosta etwa stellt seit langer Zeit die Produkte ohne künstliche Zutaten – wenn auch einige mit Zucker – her und kommunizierte das auch klar und eindeutig. Sie mussten zwar am Anfang schwierige Jahre verdauen, sind aber nun beim Verbraucher hoch angesehen. Es bewegt sich also was. Warum sollte das bei Zucker nicht genauso sein?

Widersprüchlichkeiten in Kommunikation sind passé

Zumal nun der mächtige Händler Rewe mit den zuckereduzierten Eigenmarken ein Zeichen setzt, was so manchen Lebensmittelhersteller aufrütteln dürfte. Ich bin sicher, dass in den kommenden Jahren Zuckerreduktion eines der beherrschenden Themen in der Industrie bleibt. Natürlich muss dann auch Schluss sein mit falschen Werbebildern, die beispielweise schlanke, vom Sport verschwitzte Frauen zeigen, die gleichzeitig zuckerhaltige Getränke oder Süßigkeiten zu sich nehmen. Schon jetzt völlig unglaubwürdig, in Zukunft sogar kontraproduktiv. Denn auch wenn es weiterhin viele Verbraucher geben wird, die darauf reinfallen: Diejenigen, die es kritisch hinterfragen, werden ihre Stimme hörbar erheben und den Druck erhöhen.

Genauso werden sich Unternehmen fragen müssen, ob es wirklich sinnhaft ist, Sportveranstaltungen zu sponsern und gleichzeitig zuckerhaltige Lebensmittel an Kinder zu verkaufen. Die Toleranz eines solchen Widerspruchs dürfte in nächster Zeit weiter abnehmen.

Eigene Regale mit zuckerfreien Produkten

Um dem Verbraucher wirklich eine Wahl zu geben, brauchen wir eine unmissverständliche Eindeutigkeit in der Kommunikation, die jeder versteht auch ohne Fachstudium. Der Handel könnte dabei noch weiter gehen als seine selbst produzierten Lebensmittel im Zuckergehalt zu reduzieren. Ich wünschte mir ein Regal, in dem 100% zuckerfreie Produkte sortimentsübergreifend stehen. Dann bräuchte ich nicht mehr mit Lesebrille 15 Minuten vor dem Senfregal die eine Sorte suchen, die keinen Zucker enthält. Dann müsste ich nicht mehr überprüfen, ob „ohne Zucker“ nur heißt, dass kein Zucker zugesetzt wurde oder wie ein Deteketiv rausfinden, ob nicht doch irgendein „-ose“, wie Sacchorase, Fructose, Galctose, Glucose, Maltose oder irgendwelche Sirupe zugesetzt wurden. In vielen Supermärkten gibt es bereits Regale für glutenfreie Produkte. Warum nicht auch ein Regal, in dem der Verbraucher schnell eine Übersicht zum Zuckergehalt bekommt? Dazu braucht es einfach im Regal nur eine Sektion mit dem Hinweis „ohne Zucker“, eine Sektion „zuckerreduziert“, eine Sektion mit der Kennzeichnung „mit Fruchtzucker“ und eine mit der Info „mit Zuckerersatzstoffe zum Beispiel. So hätte der Konsument eine superschnelle Orientierung. Und der Handel würde die eigene Rolle noch aufwerten.

Und wenn die Lebensmittelproduzenten so weit sind, ohne Wenn und Aber eindeutig, für jeden verständlich und lesbar drauf zu schreiben, welche Zutaten in ihren Produkten sind, dann braucht auch keiner eine Lebensmittelampel.